ilse jungbluth

 

Fotografien

Skulpturen

 

Der ewige Augenblick

Stellen wir uns ein, unbedingt weibliches, Fabelwesen vor, das durchaus energisch zupacken kann und nun konsequent seiner Verpflichtung nachkommt, uns "gröbere" Naturen mit den geheimen Orten des "Ah!" und "Oh!" vertraut zu machen. So haben wir ein solides Fundament, uns auf das flüchtige Wechselspiel zwischen Realität und Zauberei einzulassen. (Männer brauchen für so zarte Gelenksstrukturen zwischen Konkretem und Abstrakten eine feste Absprungbasis).

Ich habe Ilse Jungbluth ja in rustikaleren Verhältnissen, bei einem Künstlersymposion in der Südoststeiermark, kennen und schätzen gelernt, eingekeilt zwischen dem zwerghaften Maschinenpark eines "Mannes der Renaissance", dem wie einem Roboter jeder Handgriff zu einem eigenen Elektrogerät wurde.

Ilse arbeitete an einem Stein, den man seinem ärgsten Feind nicht zumuten würde, ein spröder Brocken Muschelkalk aus der Region, dessen heller Klang sich anhörte, als wolle man eine Glasblüte aus tausendjährigem Schlaf wecken. Soviel sündigen kann man gar nicht, wie man bei einem solchen Stein abbüßt.

In der ersten Arbeitspause, "Professore Renaissance" hatte gerade leise geflucht, weil er in seiner Holzskulptur auf eine Metallstück gestoßen war und nun seine Kettensäge reparieren musste, fragte mich Ilse: "Was hältst du von meinem Phönix?".

Nun ja, sehen konnte man praktisch noch nichts. Aber sie schilderte ihren Phönix schon in allen Facetten. Und nach einer Woche war der Phönix tatsächlich fertig und sein ernsthaftes Gesicht lächelte sogar, zu Mittag, wenn die Sonne schräg über ihm stand.

"Diese Frau, sie hat eine sehr grrroße Konsequenz", sagte der Professore, der immerhin sämtliche Bildhauersymposien der Welt abgeklappert hat und den man in Bolivien sogar nötigen wollte eine Predigt zu halten ".. sie haben gepredigt, und sie wollten, ich soll auch, oooh no!"
Das ist jetzt auch schon zwei Jahre her.

Und dann kamen die ersten Fotos von Ilse. Auch da dachte ich anfangs, was ist es? Flimmern? Wimpern? Schilf? Sternschnuppen?
Augenblicke!
Herausgeholt, hineingelegt?
Drei Bilder soll sich der Mensch von der Welt machen. Vom ersten Blick, der jemals getan wurde, vom zweiten, der alles zusammenfasst und vom letzten, den man mitnehmen möchte.
Das gilt natürlich nur bedingt für Phönixblicke, denn die vergegenwärtigen sich ja immer dann, wenn sie eine innere Notwendigkeit spüren sich zu erneuern...

Erwin Michenthaler
Bildhauer